Überblick zu Therapie und Behandlungsmöglichkeiten des gutartigen Lagerungsschwindels

apothekeDie wirkungsvollste Behandlung gegen den Lagerungsschwindel bzw. gegen den beningner peripheren paroxysmalen Lagerungsschwindel, auch BPPV genannt, sind nicht etwa Medikamente oder Operationen, sondern einfaches physikalisches Training .

1980 wurde das erste „Befreiungsmanöver“ von Brandt und Daroff beschrieben – seitdem wurde das „Original“ mehrere Male abgewandelt.

Die aktuellen Manöver nach Semont und Epley können mit einer Erfolgsquote von über 90 % aufwarten. Bestimmte Symptome, wie z. B. „Augenzittern“ und Auftreten der Schwindelattacken beim Aufstehen, Hinsetzen oder Änderung der Position des Kopfes, deuten auf BPPV hin, während Symptome wie z. B. Tinnitus auf andere Ursachen hindeuten.

Weitere Informationen zu Symptome, Ursachen und Entstehung finden Sie im Artikel „Gutartiger Lagerungsschwindel“.

 

Schwindeltraining und Übungen gegen Lagerungsschwindel

Und wie können diese Übungen Heilung bringen? Der gutartige Lagerungsschwindel wird von kleinen Kalziumkristallen ausgelöst, die sich vom Innenohr abgelöst haben. Die Kristalle „schwimmen“ in der Flüssigkeit der Bogengänge umher und bringen die feinen Sinneshärchen im Ohr zum Reagieren. Dem Gehirn werden falsche Signale gesandt – die durch andere Sinnesnerven, z. B. dem Sehsinn, nicht bestätigt werden. So entstehen im Kopf die kurzen, aber oft sehr heftigen Drehschwindelattacken.

Die unterschiedlichen Lagerungstrainingsprogramme, bei denen der Kopf mitsamt dem Oberkörper ruckartig in die eine oder andere Richtung gedreht wird, helfen das degenerierte Otolithenmaterial (die Kristalle) zu lösen: Dies geschieht durch eine rasche Lageänderung bzw. eine Änderung der Position des Kopfes, die anschließend über einige Minuten gehalten wird. Die Kristalle kommen dadurch in anderen Labyrinthräume des Ohrs zum Liegen – und beeinflussen den Gleichgewichtssinn nicht mehr. Alle Manöver, die heute angewandt werden, sind durch den Mechanismus der Kanalolithiasis erklärbar.

Folgende Trainingseinheiten werden angewandt:

Folgend ein kurzer Überblick über die Therapieformen. Wie die einzelnen Trainingsprogramme konkret durchgeführt werden können und welche Position eingenommen werden muss, erfahren Sie in unseren Anleitungen zu den einzelnen Manövern, die Sie im Hauptmenü finden.

  • Semont-Manöver
    Zusammen mit der Epley-Übung das Lagerungsmanöver erster Wahl bei BPPV; 1988 von Semont entwickelt – übrigens noch vor Kenntnis des Kanalolithiasis-Mechanismus. Das Manöver sollte jeweils 3-mal morgens, mittags und abends bis zur Beschwerdefreiheit durchgeführt werden. Die Wirksamkeit des Semont-Manövers ist zwar weniger gut dokumentiert als jene des Epley-Manövers – nach retrospektiven Fallserien liegt die Wirksamkeit bei 50 – 70 % bei einmaliger und bei 90 – 98 % bei mehrmaliger Behandlung. Das bedeutet, dass fast jeder Patient therapiert werden kann.
  • Epley-Manöver
    Repositionsmanöver durch Kopf- und Rumpfrotation des liegenden Patienten. Fünf
    kontrollierte randomisierte Studien und Metaanalysen haben die Wirksamkeit belegt. Nach der ersten Lagerung waren zwischen 40 und 60 % der Patienten frei von Beschwerden, nach der dritten Lagerung über 90 %.
  • Brandt-Daroff-Manöver
    Erstes wirkungsvolles Lagerungsmanöver, das 1980 von Brandt und Daroff entwickelt wurde. 1988 wurde dieses von Semont modifiziert. Diese Übung wird heute meist nur mehr in speziellen Fällen angewandt, z. B. dann, wenn die Kristalle im horizontalen Bogengang liegen.

Lagerungsschwindel bei Männern

Die Chancen stehen gut, den Schwindel in spätestens 4 Wochen los zu sein

Die Erfolgsrate beim Semont- und dem Epley-Manöver liegt nach mehrmaligen Trainingseinheiten und Training bei 90 %. Die Chancen stehen also gut, den Schwindel „nur“ durch einige öfters durchgeführte Trainingseinheiten innerhalb eines Monats loszuwerden!

Selbstbehandlung mit Übungen – oder doch lieber zum Arzt?

Tatsächlich kann der Lagerungsschwindel anhand der Übungen von Betroffenen durchaus auch in der Selbstbehandlung therapiert werden. Allerdings wird dem Patienten empfohlen, nach der Abklärung, dass es sich um Lagerungsschwindel handelt, noch einmal zum Arzt zu gehen und die Übung unter ärztlicher Aufsicht auszuführen. So kann sicher gegangen werden, dass das Training korrekt ausgeführt wird. Die Übungen des Epley-Manövers sollten jeweils 3-mal morgens und mittags durchgeführt werden, bis sich Beschwerdefreiheit einstellt.

Erfolgsrate liegt bei Manövern mit ärztlicher Unterstützung höher

Nach einer Woche liegen die Erfolgsraten der Selbstbehandlung zwischen 50 bis 90 %. Die Erfolgsrate bei Manövern, die mit ärztlicher Unterstützung durchgeführt werden, liegt höher. Deshalb sollte die Selbstbehandlung vom Patienten komplementär, also zusätzlich eingesetzt werden – z. B. bei Rezidiven. Wer aus irgendwelchen Gründen mit dem Training von Semont und dem von Epley nicht zurechtkommt, kann das einfachere Brandt-Daroff-Verfahren anwenden. Zwar brauchen die meisten Patienten damit länger, bis sie beschwerdefrei sind, allerdings sind die Übungen dafür einfach durchzuführen.

Mittel und Medikamente gegen Lagerungsschwindel

Eine medikamentöse Therapie des BPPV ist nicht indiziert; in schwerwiegenden Fällen kann kurzfristig Antivertiginosa verschrieben werden – allerdings beseitigt das Medikament nicht die Ursache des Schwindels und ist auch längerfristig symptomatisch nicht ausreichend wirksam.

Keine Medikamentenindikation – Ausnahme: Starke Übelkeit

Eine Ausnahme bilden Patienten mit starker Übelkeit nach den einzelnen Lagemanövern: Zur Erleichterung der Behandlung kann in diesem Fall etwa 30 Minuten vor dem physikalischen Manöver ein Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen bzw. ein Sedativum eingesetzt werden, z. B. Dimenhydrinat. Dieses sollte höchstens für einige wenige Tage zum Einsatz kommen. Dimenhydrinat wirkt auf das zentrale Nervensystem – dort werden H1-Rezeptoren im Brechzentrum blockiert. Damit verhindert das Medikament zwar die Übelkeit, die mit dem Schwindel einhergeht und schwächt den Schwindel etwas ab – eine wirksame Behandlung ist das Medikament jedoch nicht. Der Wirkstoff Dimenhydrinat (z. B. Vomex A u.a.) wird beispielsweise auch gegen Reiseübelkeit eingesetzt und sorgt generell für eine leichte „Betäubung“ des zentralen Nervensystems des Betroffenen.

Operative Therapie

Eine operative Behandlung kommt nur dann in Betracht, wenn die korrekt ausgeführten physikalischen Lagerungsübungen kein Resultat bringen. Zu den gängigsten operativen Maßnahmen gehört die Obliteration des Bogengangs. In einem Kollektiv von 3000 BPPV-Patienten einer Studie war die Durchführung einer operativen Maßnahme nur in einem Fall nötig. Sollte tatsächlich ein therapierefraktärer Fall auftreten, kann eine operative Durchtrennung des Nervs im hinteren Bogengang durchgeführt werden.

Plugging als effektivste OP-Methode

Die OP ist allerdings recht schwierig durchzuführen und birgt einige Risiken, wie z. B. eine Hörstörung. Ein sicherer und effektiverer Eingriff als die selektive Neurektomie ist der operative Verschluss des hinteren (linken oder rechten) Bogengangs – auch als Plugging bezeichnet. Allerdings sollten operative Maßnahmen tatsächlich nur dann zum Einsatz kommen, wenn der Schwindel eine starke Beeinträchtigung des Alltags darstellt und alle physikalischen Therapiemaßnahmen komplett ausgeschöpft wurden. Bis tatsächlich eine OP indiziert wird, vergehen – laut Informationen von Neurologen – also gut ein bis zwei Jahre.

Therapie im Schwindelzentrum

Schwindel allgemein – in all seinen Formen mitsamt den diversen Ursachen – fällt in das Fachgebiet der Neurologen genauso wie in jenes der HNO-Ärzte. Oft haben Personen mit Schwindel bereits einen Marathon an Arztbesuchen hinter sich, bevor die Ursache des Schwindels gefunden wird – obwohl Schwindel die zweithäufigste Diagnose in der Neurologie darstellt. Der Schwindel muss interdisziplinär betrachtet werden, um seine Ursachen zu ergründen.

Ursachenforschung im Schwindel-Zentrum Essen

Patienten, die trotz Untersuchungen beim Neurologen, HNO-Arzt, Orthopäden oder Psychologen nur eine unklare Diagnose erhalten und deren Schwindel sich als therapierefraktär herausstellt, hilft das Schwindel-Zentrum Essen: Das Zentrum öffnete 2010 seine Tore und hat bereits 7000 Schwindel-Patienten therapiert. Das multidisziplinäre Team besteht aus Neurologen, HNO-Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten. Psychologen deshalb, weil Schwindel auch psychische Ursachen haben kann: Der phobische Schwankschwindel ist bei den 30- bis 50-Jährigen eine der häufigsten Schwindelursachen. Hier können eine Psychotherapie, Entspannungsübungen oder Sport helfen.

Wissenschaftliche Forschung im Schwindel-Zentrum

Neben der Behandlung von Schwindel-Patienten wird an der Klinik auch wissenschaftliche Forschung betrieben – hierbei wird den chronischen Schwindelformen, wie auch dem Lagerungsschwindel, besondere Aufmerksamkeit beigemessen.

 

zu risiken und nebenwirkungen