Der gutartige Lagerungsschwindel

LagerungsschwindelPlötzlich dreht sich alles? Der Boden schwankt und Sie fühlen sich benommen?

Auslöser des Schwindels – auch „vertigo“ genannt – könnte der benigne-paroxysmale Lagerungsschwindel sein. Trifft dies zu, ist der Schwindel, der zu Beginn meist bedrohlich erscheint, harmlos – aber natürlich trotzdem unangenehm.

Weil Schwindel jedoch auf zahlreiche weitere Krankheiten hinweisen kann, sollten Schwindelanfälle, die entweder länger anhalten oder mehrmals auftauchen, stets mit einem Arzt abgeklärt werden. Der gutartige Lagerungsschwindel stellt – vor allem bei Personen ab 50. Jahren – ein äußerst häufiges Krankheitsbild dar.

Trotzdem wird BPLS noch immer selten diagnostiziert, und das, obwohl die Diagnosestellung sowie die Behandlung recht einfach sind. Diese Schwindelart wird „gutartig“ genannt, weil der Schwindel harmlos ist. Einen bösartigen Lagerungsschwindel gibt es allerdings – so könnte man aber meinen – nicht.

Was ist der benigne-paroxysmale Lagerungsschwindel?

Der gutartige Lagerungsschwindel, auch benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS) genannt, ist die wohl häufigste Form des Schwindels. Wenn BPLS auch harmlos ist, kann er für die Betroffenen sehr unangenehm sein. Wie viele Menschen vom Schwindel betroffen sind, kann nicht mit Genauigkeit festgestellt werden, da bei zahlreichen Betroffenen Spontanremissionen auftreten – sich der Schwindel also zurückbildet, bevor der Gang zum Arzt und eine Therapie stattfindet. Es wird jedoch von einer Prävalenz von etwa 2,0 – 2,5 % der Bevölkerung ausgegangen.

  • Der Lagerungsschwindel ist zwar unangenehm, aber harmlos.
  • Der Schwindel kann im Stehen, Sitzen oder Liegen auftreten.
  • Bei vielen Betroffenen verschwindet der Schwindel von selbst wieder.
  • Bei etwa 30 – 50 % tritt der Schwindel innerhalb von zwei Jahren wieder auf.
  • Etwa 2,0 – 2,5 % der Bevölkerung sind betroffen.
  • Frauen sind doppelt so häufig von Lagerungsschwindel betroffen wie Männer.
  • Das durchschnittliche Alter der Betroffenen liegt bei etwa 55 Jahren.
  • Kann alle Altersgruppen betreffen, tritt jedoch selten vor dem 35. Lebensjahr auf.

Definition des Lagerungsschwindels: Der gutartige Lagerungsschwindel ist ein lageabhängiger Schwindel mit kurzen Drehschwindelattacken, die durch eine Lageveränderung des Kopfes auftreten. Als Synonyme werden paroxysmaler Lagerungsschwindel, BPPV (beningn paroxysmal positioning Vertigo) oder Canalolithiasis verwendet.

Ursachen für den gutartigen Lagerungsschwindel

Gleichgewichtszentrum Ohr

Wie für viele Gleichgewichtsstörungen liegen auch die Ursachen des Lagerungsschwindels im Ohr. In beiden Innenohren des Menschen liegt ein kleines Labyrinth mit drei Bogengängen, das auch als Gleichgewichtsorgan bezeichnet wird. Die Bogengänge sind im rechten Winkel in den drei Ebenen des Raums zueinander angeordnet: Es wird zwischen hinterem, vorderem und lateralen, also seitlichem Bogengang unterschieden. Die Gänge sind
mit Flüssigkeit (Endolymphe) gefüllt. Außerdem befinden sich feinste Sinneshärchen in den Bogengängen – diese sind wiederum mit den Gleichgewichtsnerven verknüpft. Verändert sich nun die Lage des Kopfes, strömt die Flüssigkeit durch den Bogengang – die Sinneshärchen werden ausgelenkt und die Erregung wird zum Gehirn weitergeleitet. So „wissen“ wir, dass wir unseren Kopf drehen.

Hör-Härchen sind ausschlaggebend für das Hören – und für das Drehempfinden

Erst diese feinen Hörhärchen machen es möglich, dass das Gehörte auch tatsächlich beim Menschen ankommt – sie leiten die Signale an das Hirn weiter. Und das funktioniert so:

  • Schallwellen werden vom Trommelfell über das Mittelohr in das Innenohr übertragen.
  • In einer Flüssigkeit werden Schwingungen erzeugt.
  • Die Sinneszellen in der Flüssigkeit nehmen die Schwingungen über die Haarfortsätze der Sinneshärchen wahr.
  • Die Signale werden an das Gehirn weitergeleitet und verarbeitet (wir „hören“).

Ursachen des Lagerungsschwindels

  • Kalkkristalle in den Bogengängen senden „falsche“ Signale
    Als Auslöser für den Lagerungsschwindel wird angenommen, dass sich Kalk-Kristalle – sog. Otolithen – spontan degenerativ oder posttraumatisch an einer Stelle des Innenohrs ablösen. Nun „schwimmen“ diese Kristalle frei in der Endolymphe, in der Flüssigkeit der Bogengänge umher. Verändert sich nun die Position des Kopfes, schwemmt es die Kristalle in eine Richtung und die Sinneshärchen werden erregt.Die Signale werden an das Gehirn weitergeleitet – und lösen einen Schwindel aus: Das Gehirn erhält nämlich Meldung über eine Bewegung, allerdings wird dies von anderen Sinnesorganen nicht bestätigt. Diese widersprüchlichen Meldungen lösen den Drehschwindel aus (vestibulärer Mismatch). Während die Ablösung von intakten Otolithen oft die Folge eines Traumas ist, lösen sich im höheren Lebensalter oft degenerierte Otolithen.Warum sich die Calciumcarbonatkristalle ablösen, ist noch nicht genau geklärt. Einige Studien lassen vermuten, dass dies einfach Teil des Alterungsprozesses ist. Selbst im Kindesalter lösten sich Otolithen bereits, allerdings oft ohne dass Schwindel ausgelöst wird. Mit zunehmenden Lebensjahren scheinen sich immer mehr Kristalle abzulösen – so wird die Wahrscheinlichkeit, dass gutartiger Lagerungsschwindel auftritt, verstärkt.

So wird der Schwindel ausgelöst:

  • Die abgelösten Otolithen setzen die Endolymphe in Strömung.
  • Die vestibulären Haarzellen der Cupula werden erregt.
  • Das vestibuläre Systemwird einseitig unphysiologisch aktiviert.
  • Schwindel, solange die Strömung der Endolymphe anhält.
  • Informationen aus Gehör und Sehen stimmen nicht mehr überein.

Lagerungsschwindel bei Frauen

Gründe für eine verstärkte Ablösung der Kristalle und demnach für Schwindel

  • „normaler“ Alterungsprozess
  • Schädelhirntrauma
  • Durchblutungsstörungen
  • Innenohroperationen
  • Entzündungen im Innenohr
  • Migräne
  • Verlängerte Bettruhe nach Erkrankungen und OPs
  • Morbus Menière
  • Möglicherweise erbliche Faktoren

In etwa 50 % der Fälle wird keine Ursache für den Schwindel gefunden – es wird angenommen, dass die Ablösung Teil des normalen Alterungsprozesses ist. Der rechte hintere Bogengang ist übrigens etwa doppelt so häufig betroffen wie der linke. Dies könnte damit zusammenhängen, dass mehr Personen auf der rechten Seite schlafen.

Symptome des Lagerungsschwindels

  • Kurze Drehschwindelattacken bis zu 60 Sekunden, meist zw. 10 – 40 Sekunden
  • Attacken beim Hinlegen, Drehen des Kopfes, beim Hoch- oder Runtersehen
  • Übelkeit
  • Erbrechen (selten)
  • Gefühl, „auf Watte“ zu laufen

Typische Auslöser für den Lagerungsschwindel sind:

  • Aufrichten und Umdrehen im Bett
  • Bücken
  • Hinlegen
  • Arbeiten über dem Kopf oder Hochschauen

Bei vielen Patienten beginnt der Lagerungsschwindel im Schlaf: Nachdem der Kopf zur Seite gelegt wird, erleidet der Betroffene nach einigen Sekunden eine Attacke. Manchmal wird diese auch von Übelkeit oder – seltener – von Erbrechen begleitet. In der Regel klingt die Schwindelattacke nach spätestens 30 bis 60 Sekunden wieder ab. Häufig tritt der Schwindel auch morgens beim ersten Lagerungswechsel auf – anschließend folgt den Tag über Beschwerdefreiheit.

Die meisten Attacken klingen nach spätestens 60 Sekunden ab

Bei entsprechender Lageveränderung tritt der Vertigo erneut auf. Versucht man allerdings, die Bewegung, die den Schwindel provoziert hat, öfter zu wiederholen, ist der Schwindel meist nach mehreren Versuchen nicht mehr zu provozieren. Hörminderung oder sonstige Probleme beim Hören treten in der Regel nicht auf.
Im weiteren Verlauf der Krankheit ändern sich die Symptome etwas und die heftigen Schwindelanfälle lassen etwas nach. Einen kurz andauernden Schwindel kann der Patient durch eine rasche Kopfbewegung auslösen – so entwickeln viele Betroffene eine „Vermeidungshaltung“, um den unangenehmen Schwindel nicht wieder hervorzurufen. Bei vielen Betroffen besteht ein stetes Unsicherheitsgefühl, von vielen Patienten beschrieben als Gefühl „auf Watte zu laufen“. Wegen der sehr typischen Symptome (Der Schwindel kommt dann, wenn ich mich auf das linke Ohr lege) kann meist einfach eine Diagnose gestellt werden. Trotzdem wird der Lagerungsschwindel noch immer häufig nicht erkannt.

Spontanheilung häufig

Eine spontane Abheilung des Problems ist nicht nur möglich, sondern kommt häufig vor. Bei etwa 30 % der Personen, bei denen BPPV diagnostiziert wurde, klang die Krankheit wieder spontan ab. Neuere Studien verweisen darauf, dass die Endolymphe möglicherweise wegen ihres niedrigen Kalziumgehaltes imstande ist, Otolithen aufzulösen. Dadurch wäre eine spontane Abheilung möglich.

Diagnose des Lagerungsschwindels

Bis zum 70. Geburtstag erlebt jeder dritte Mensch einmal den gutartigen Lagerungsschwindel, so Studien. Die meisten Betroffenen sind zwischen 51 und 57 Jahre alt, selten tritt der Schwindel vor dem 35. Lebensjahr auf. Trotzdem wird BPLS selten diagnostiziert und es gehen – bis zur korrekten Diagnose – oft zahlreiche weitere Untersuchungen bei allen möglichen Fachärzten voraus.

Die wichtigsten Diagnosekriterien:

Plötzliches Auftreten von Schwindel in Abhängigkeit der Kopfbewegung

  • Kaum oder keine Symptome zwischen den Attacken
  • Anfallsartige Charakteristik mit Zunahme und Abklingen innerhalb von 20-30 Sek.
  • Rezidive nach mehrmonatiger Besserung
  • Drehschwindel mit Nystagmus (Augenzittern, das durch das Dix-Hallpike-Manöver produziert werden kann)
  • Latenz zwischen Dix-Hallpike-Manöver und Schwindelattacke von einigen Sekunden
  • Schwindel nimmt nach mehreren Dix-Hallpike-Manövern ab

Die typische Anamnese gibt deutliche Hinweise auf die Erkrankung. Um die Ursache mit Sicherheit festzustellen, sollte ein HNO-Arzt aufgesucht werden. Er inspiziert als erstes die Ohren und führt eine Hörprüfung durch. Anschließend folgt die Gleichgewichtsuntersuchung: Der Arzt setzt dem Patienten eine Frenzel-Brille – dies ist eine Leuchtbrille mit 15 Dioptrien starken Gläsern – auf, um während des Schwindelanfalls, der extra provoziert wird, auffällige Augenbewegungen zu überprüfen. Kommen während der Attacke Nystagmen vor, deutet dies auf den beginen-paroxysmalen Lagerungsschwindel hin.
Um den Schwindel zu provozieren, wendet der Arzt die Lagerungsprüfung nach Hallpike an: Der Patient setzt sich auf eine Liege. Der Arzt hält den Kopf des Patienten fest und setzt rasch die Fenzel-Brille über die Augen des Betroffenen, wirft dessen Kopf zurück und zur Seite, um den Schwindel auszulösen. Mithilfe der Fenzel-Brille kann der Arzt erkennen, ob sich ein Augenzittern in entgegengesetzte Richtung abzeichnet. Ist dies der Fall, ist dies ein Symptom dafür, dass ein Lagerungsschwindel vorliegt.

Differenzialdiagnose

Über die Differenzialdiagnose wird versucht, die Ursache der Beschwerden zu finden. Dafür müssen auch die weiteren häufigen Schwindelursachen bekannt sein. Häufige Schwindelursachen sind:

  • Morbus Menière
  • Erkrankungen des Hirnstamms oder Kleinhirns (zentrales Nervensystem)
  • Multiple Sklerose
  • Vertebragener Schwindel, der von der Wirbelsäule ausgeht, z. B. bei HWS-Syndrom
  • Tumore, wie z. B. Kleinhirntumor

Verlauf und Prognose des Lagerungsschwindels

Bei einigen Patienten kommt es zur Spontanheilung und der Schwindel klingt nach häufigen Attacken im Laufe von ein bis zwei Wochen von allein wieder ab. Bei anderen treten die Schwindelanfälle öfters über Monate hinweg auf. Kommt es zu keiner Spontanheilung, können Lagerungsübungen oder Befreiungsmanöver helfen.

Medikamente nur in seltenen Fällen

Nur in seltenen Fällen, wenn es beispielsweise zu heftiger Übelkeit und Erbrechen kommt, werden u.U. in der Anfangszeit der Attacken Medikamente eingesetzt. Dadurch wird der Schwindel zwar unterdrückt, allerdings verschiebt sich die Schwindelsymptomatik dadurch nur. Medikamente, die auf das Gleichgewichtszentrum im Ohr wirken, machen müde, schläfrig und beeinträchtigen das Reaktionsvermögen.

Lagerungsübungen sind in 90 % der Fälle erfolgreich

In einer Studie mit 259 Probanden konnten über 98 % der Patienten nach drei Sitzungen, in denen Befreiungsmanöver angewandt wurden, von dem Lagerungsschwindel geheilt werden. Bei rund 75 % der Betroffenen waren die Symptome nach einer Behandlung verschwunden, bei weiteren 19 % nach der zweiten Behandlung. Bei der dritten Behandlung waren – wie bereits erwähnt – 98 % von den Symptomen befreit. Die meisten Studien kommen zu Heilungszahlen zwischen 90 und 100 %.

Die Chancen auf Heilung stehen sehr gut

Die Chancen, sich vom Lagerungsschwindel komplett zu befreien – und das, ohne Medikamente einnehmen zu müssen – sind also hoch. Ärzte raten, sich möglichst viel zu bewegen, selbst dann, wenn der Schwindel Angst macht. Die Übungen, die erst mit dem Arzt, und dann auch zuhause durchgeführt werden können, sollten immer so durchgeführt werden, dass kein Verletzungsrisiko besteht (z. B. auf einer Wohnlandschaft). In einigen seltenen Fällen kann es zur Ohnmacht kommen. Schwere Nebenwirkungen sind bei der Therapie durch die diversen Übungen nicht bekannt.

Die häufigsten angewandten Manöver sind:

  • Brandt-Daroff-Manöver
    Einfach durchführbar, dafür weniger erfolgreich als die anderen zwei Manöver.
  • Semont-Manöver
    Erfolgreich, allerdings an die Einhaltung der Position des Kopfes gebunden.
  • Epley-Manöver
    Ebenfalls eine hohe Erfolgsquote
  • Canalithenrepositionsmanöver
  • Lange Dauer, dafür Erfolgsquote von knapp 100 %, spätestens beim 2. Versuch.

zu risiken und nebenwirkungen